Wie in einem Thriller

16. Mai

Die Koffer stehen fertig gepackt zu Hause. Ich bin dabei, die letzten Pendenzen im Büro zu erledigen und den Schreibtisch aufzuräumen, um dann endlich den Schlüssel drehen zu können und die Ferien beginnen zu lassen. Die Reise zu unserer Tochter nach New England in den USA, die ich seit zweieinhalb Jahren nicht mehr live gesehen hatte.

Dann kommt mein Arbeitskollege herein. “So, bist du schon bald abreisefertig?”, fragt er schmunzelnd.

Ich nicke und grinse. “Jepp, bin fast soweit.”

“Wann geht euer Flug?”

“Morgen Abend um halb sechs.”

“Oh, nicht am Morgen früh? Übernachtet ihr in Zürich?”

Ich lache. “Nein. Wir nehmen den Zug um zehn nach eins ab Heimberg. Dann sind wir Viertel nach drei am Flughafen.”

“Das wäre mir viel zu knapp. Was machst du, wenn der Zug eine Störung hat? Willst du wirklich nicht früher gehen?”

“Ach komm, täglich verkehren tausende von Zügen. Da wird nicht ausgerechnet unser Zug liegenbleiben. Ausserdem haben wir fast zwei Stunden Luft einberechnet. Das wird reichen.”

Er schickt sich an, zu gehen und sagt: “Mir wäre das zu knapp. Aber das musst du selber wissen.”

Sorglos arbeite ich weiter und freue mich auf die morgige Reise.

17. Mai

Heimberg-Bern

Das Puzzle geht perfekt auf. Ich bringe meine Frau samt Gepäck an den Bahnhof Heimberg, fahre zum Garagisten, der den Wagen in unserer Abwesenheit reparieren und vorführen wird. Er bringt mich zum Bahnhof, wo ich bis zur Ankunft unseres Regionalzuges ein Sandwich esse. In Thun geht das Umsteigen easy vonstatten. Wir haben genügend Zeit und ziehen unsere vier Koffer gemütlich aufs Gleis 2. Der Zug fährt planmässig ein, wir steigen ein und finden einen angenehmen Fensterplatz. Zwanzig Minuten später nähern wir uns Bern. Als wir in den Bahnhof einfahren, knistert es in den Lautsprechern und der Zugchef gibt eine ausserplanmässige Ansage durch.

Liebe Zugpassagiere, aufgrund einer Fahrleitungsstörung in Dietikon fällt dieser Zug aus. Bitte steigen Sie alle aus. Ich wiederhole, dieser Zug setzt seine Fahrt nicht fort. Danke für Ihr Verständnis.

Wir schauen uns betreten an. Das hat uns jetzt gerade noch gefehlt. Ich öffne die SBB-App auf meinem Handy. Tatsächlich prangt da ein roter Balken mit einer ähnlichen Mitteilung. Die Dauer der Unterbrechung sei noch unbekannt. Die Zugverbindungen nach Zürich seien unterbrochen.

Auf dem Bahnsteig schauen noch viele andere Reisende mit ratlosen Gesichtern umher. Der nächste Zug nach Zürich Hauptbahnhof fahre in wenigen Minuten um 13.35 Uhr, heisst es. Wir begeben uns auf den angegeben Bahnsteig, um dort zu erfahren, dass dieser Zug auch nicht weiterfahren werde. Durch die Lautsprecheransage werden wir auf ein anderes Gleis geschickt. Der dortige Regionalexpress werde in Richtung Zürich fahren, man wisse aber noch nicht, wie weit.

Na toll! Was bleibt uns anderes übrig, als diesen Bahnsteig aufzusuchen? Ich überschlage unsere Möglichkeiten, ob wir ein Taxi nehmen oder ein Auto mieten sollen. Aber der Preis für ein Taxi reut mich und wo man so schnell einen Mietwagen bekommen kann, weiss ich auch nicht. Ausserdem wäre die Autobahn mit dem stauträchtigen Mittelland und dem notorisch verstopften Gubristtunnel ein genauso grosses Risiko.

Also besteigen wir den Zug und haben das Glück, noch zwei Sitzplätze zu finden. Kurz darauf erscheint draussen eine wahre Völkerwanderung und eine unzählbare Menschenmenge drängt herein, die im Gang stehen bleiben muss.

Bern-Baden

Schliesslich fährt der Zug ab. Ein Zugbegleiter, der die Situation mit Witz entschärfen will, macht eine Durchsage. “Liebe Fahrgäste, wir befinden uns in einer aussergewöhnlichen Situation. Eine Fahrleitungsstörung behindert die Weiterfahrt nach Zürich und weiter nach Osten.  Auch wir wissen nicht, bis wo dieser Zug fahren kann und wie es weitergehen soll. Seien Sie also auf uns nicht böse. Wir werden jetzt durch die Wagen gehen und Sie mit unserem Lächeln aufzumuntern versuchen. Selbstverständlich kontrollieren wir heute keine Fahrkarten.

Wie gesagt, wir haben glücklicherweise einen Sitzplatz, während sich im Gang die Leute auf den Zehen stehen. Neben uns steht ein welsches Pärchen. Die Frau trägt gerade eine Erkältung aus und zieht andauernd die Nase hoch. Ich bin versucht, ihr ein Taschentuch anzubieten, finde das aber genauso unhöflich, wie die Nase hochzuziehen. Dann passiert es: Sie niest und ein warm-feuchter Luftstrom streift meine rechte Gesichtshälfte. Nur dank meinem Baseballkäppi bleibe ich vor einer Tröpfcheninvasion verschont.

Der Zug tuckert gemütlich durchs Land, hält einmal auf offener Strecke an, dann in Olten. In Baden, das schon näher an Zürich liegt, kommt wieder die Mitteilung, alle müssten aussteigen. Wer nach Zürich wolle, könne hier eine S-Bahn nehmen, die über Oerlikon verkehre. Ansonsten gebe es nur noch eine Verbindung nach Basel. Dahin wollen wir definitiv nicht.

Das Gedränge auf dem Bahnsteig ist unbeschreiblich. Meine Frau ist geschickter als ich, und schlängelt sich rascher in Richtung der Rampe ins Untergeschoss. Ich trage meinen Handgepäckkoffer (9 kg) vor mir her und ziehe den Reisekoffer (23,3 kg) nach. Immer wieder verkeilt er sich zwischen den Beinen anderer Reisender, und das Gedränge wird immer noch grösser. Was würde passieren, wenn hier jemand stolpert und hinfällt? Er würde unweigerlich zu Tode getrampelt. Ein selbsternannter Spassvogel merkt denn auch lauthals an: “Jetzt kann ich mir die Panik in Duisburg vorstellen.” Danke für die Erinnerung an dieses furchtbare Unglück!

Baden-Oerlikon

Irgendwie schaffen wir es, die S-Bahn nach Oerlikon zu besteigen. Diesmal gelangen wir nicht einmal mehr in den Fahrgastraum, sondern bleiben im Eingangsbereich stehen. Ein Ausflügler mit einem Fahrrad ist auch dort, dessen Hinterrad mich daran hindert, aufrecht stehen zu können. Vorne und hinten greifen schweissnasse Hände nach einem Halt, manchmal auch an meiner Schulter.

Dann fangen die Leute an, zu reden. Ein älterer, weisshariger Mann mit einem weissen Achttagebart sagt: “Warum halten die denn hinter jedem Misthaufen an? In dieser Situation sollten sie doch zufahren und uns weiterbringen.”

“Die Bahn hat doch einen Fahrplan einzuhalten”, erwidert ein anderer Gast, dessen weisses Hemd komplett durchgeschwitzt ist, und dessen Stimme mit jeder Nuance ausdrückt: Ich weiss alles besser.

“Ich habe soeben meinen Flug nach München verpasst”, erzählt ein junger Mann mit Kurzhaarschnitt und einem riesigen Überseerucksack.

“So, wo wollen Sie denn hin?”, fragt der weisshaarige Rentner.

“Nach Südafrika.”

“Eine Reise?”

“Nein, ein Praktikum auf einer Tierauffangstation.”

Der Rentner räuspert sich. “In jungen Jahren bekam ich auch mal ein Angebot, um in Neuseeland zu arbeiten.”

“Was ist dazwischengekommen?”, will der verschwitzte Besserwisser wissen.

“Ich bekam einen besseren Job auf dem Bau. Eine lukrative Stelle.” Der alte Mann lächelt, als er sich an damals erinnert.

Der Zug hält wieder einmal, und ein junger Asiate, der panisch mit einem älteren Paar darüber spricht, dass er seinen Flug UNBEDINGT erwischen müsse, steigt aus, und gleich darauf wieder ein.

Oerlikon-Kloten

Schliesslich treffen wir in Oerlikon ein. Der Besserwisser gibt mir den Rat, ein Taxi zu nehmen. Aber ob es in Oerlikon ein Taxi gebe, wisse er auch nicht. Wir finden heraus, dass es einen Bus gibt, der wenige Minuten nach unserer Ankunft zum Flughafen abfahren solle. Also rennen wir, die Koffer hinter uns herziehend, in die Richtung, in der wir, den Schildern zufolge, die Bushaltestelle vermuten.

Wieder haben wir Glück. Der Bus mit der richtigen Nummer kommt und und nimmt uns auf. Es ist mittlerweile 16 Uhr 37, noch 13 Minuten bis der Check-in-Schalter schliessen wird. Ich frage den Busfahrer, wie lange wir zum Flughafen brauchen würden. In gebrochenem Deutsch nuschelt er etwas von 10 Minuten. Ob er mich wirklich verstanden hatte?

Mittlweile zweifle ich ernsthaft daran, dass wir unseren Flug noch erwischen werden und telefoniere aus dem Bus heraus mit der Swiss-Hotline. Da antwortet allerdings ein des Schweizerdeutsch nicht mächtiger Callcenterangestellter aus Deutschland, der von den hiesigen Gegebenheiten keine Ahnung hatte. Schliesslich findet er heraus, dass unser Flug nicht über die Swiss laufe, sondern über die United. Wir sollen dort vor Abflug des Fliegers anrufen und eine Umbuchung verlangen, ansonsten das Flugticket verfallen werde.

Mit quietschenden Rädern biegt der Bus ins Flughafenareal ein und hält auf dem Busbahnhof vor der Abflughalle. Es ist schon später als zehn vor fünf.

Auf dem Flughafen

Wir springen hinaus, packen unsere Koffer feste und rennen, als gelte es unser Leben. Keuchend erreichen wir um 16 Uhr 53 den Check-in-Schalter der Swiss, 3 Minuten nachdem er geschlossen wurde, und, wie mir von dem freundlichen Callcentermann versichert worden war, danach ein Check-in absolut unmöglich sei.

Aber der kennt unsere freundlichen Swiss-Mitarbeiterinnen nicht. Wir werden am First-Class-Schalter in Empfang genommen. Nach einem erklärenden Wort über den SBB-Schlamassel, nimmt sich eine Hostess unser an. Die beiden Koffer werden eingecheckt und wir erhalten unsere Bordkarten.

“Jetzt müsst ihr euch beeilen! Kommt mit.” Sie eilt uns voraus zur Sicherheitskontrolle, Absperrbänder werden für uns geöffnet und wir kommen sofort dran.

Und wieder rennen wir wie aufgescheuchte Hühner weiter, diesmal nur noch mit dem Handgepäck. Runter zum Jodelbähnli, das uns zum E-Dock brachte, dort rauf zum Gate, wo weitere Sicherheitsbeamte auf uns warten. “Wie lange bleiben Sie in den Vereinigten Staaten?”, fragt mich eine scharf dreinblickende Dame.

Jetzt nur nichts falsches Antworten, denke ich. “Äh, zweieinhalb Wochen”, gebe ich keuchend zur Antwort. Anscheinend die richtige Antwort. Das war’s dann schon. Wir zeigen unsere Bordkarten und eilen ein letztes Mal die Gangway hinunter zum Flieger, wo wir in den hinteren Teil zu unseren Sitzen komplimentiert werden.

Geschafft!

Meine Damen und Herren, willkommen an Bord des Fluges LH52 nach Boston. Wir warten noch auf die letzten Gepäckstücke, dann können wir vom Dock ablegen. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug.

Meine Frau stösst mich grinsend an. “Hast du gehört, das ist unser Gepäck.” Ich nicke matt. So ausgepumpt habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Immer noch schwer atmend und schwitzend schnalle ich mich an und werde langsam ruhig.

“Ich glaube, wir hätten auf meinen Kollegen hören sollen. Das nächste Mal berechnen wir mehr Zeit ein, wenn wir mit der SBB fahren.”

Wie in einem Thriller
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