Der Besucher

Auf der Suche nach Inspiration, habe ich mir 50 Schreibaufgaben erstellen lassen, um die innere Kreativität anzukurbeln. Hier ist Nummer 2, die mich sofort angesprochen hat:

What would happen if your older self met your current self?

Zu Deutsch: Was würde passieren, wenn dein zukünftiges Selbst deinem aktuellen Selbst begegnen würde?

Während ich darüber nachdenke, formt sich vor meinem inneren Auge eine science-fiction-ähnliche Szenerie, die ich nun einfangen und erzählen will.


Zukunft, 27.9.427

Ich habe mich dazu entschlossen, meinem Selbst aus dem Jahr 2018 die Warnung persönlich zu überbringen. Nur ich weiß, wie ich mich dazu bringen kann, nicht falsche Rückschlüsse zu ziehen.

„Bordcomputer, verschiebe zu Heimberg Fluh. Dort will ich aussteigen und du wirst auf mich warten.“

„Wie Sie wünschen, Gesponer Fischer“, bestätigt die KI meines Teslas 7AD meinen Befehl mit sanfter Stimme, worauf sich der Bolide sofort in Bewegung setzt. Wie der Wetterplan es vorsieht, scheint draußen die Sonne und die ganze Welt scheint auf den Rädern zu sein.

„Ankunft in 26 Minuten“, informiert mich die KI. Mir soll’s recht sein. So kann ich mich auf mein morgiges Meeting auf Madeira vorbereiten. Und danach werde ich mein Abendessen bestellen.

Ich denke an die Projektunterlagen Madeira, und sofort erscheint das Dossier auf meiner inneren Mindscreen. Rasch überfliege ich die Eckpunkte: Grundstückfläche 17’630 m2, leichte Hanglage, freie Sicht auf das Meer, Verhandlungspreis 17,4 Millionen Eurasische Pfund. Der Verkäufer ist als Hardcore-Händler bekannt, aber ich habe einen Trumpf in der Hand: Ein Nigel Nagel neues Antigrav-Rennboot der Pacific Doom-Klasse, das ich bei meinem letzten Auktionsschnäppchen im Bootsschuppen als Beigabe vorgefunden hatte. Es muss nur noch von seinem aktuellen Aufenthaltsort in Hawaii nach Eurasien überführt werden. Ich selber stehe nicht auf solche Gadgets. Viel mehr würde mich ein Stratosphären-Schiff mit integrierter Satelliten-Wartungsplattform interessieren, aber diese Dinger liegen ausserhalb meiner Möglichkeiten. Noch.

Hinter Bern beginnt der See, der sich nach der Katastrophe von 2035 gebildet hat und von Rubigen bis Meiringen reicht. Er bedeckt den ganzen Talboden und umfasst die ehemaligen Seen Thunersee und Brienzersee. Die Städte Münsingen, Belp, Thun, Interlaken, Brienz, Meiringen sowie viele kleinere Ortschaften sind untergegangen. Niemand hat es für möglich gehalten. Politik und Wissenschaft haben eine Hetzjagd auf die einsamen Rufer und Warner veranstaltet. „Laien! Verrückte! Verschwörungstheoretiker! Spinner!“, wurden sie genannt. Dabei war die Ankündigung mehr als deutlich zu sehen, nur konnte es niemand wahrhaben.

Der Tesla biegt auf die vierspurige Antigrav-Straße über der Seemitte ein und kann für kurze Zeit auf 230 kmh beschleunigen. Ich blinzle die Immobilien-Unterlagen weg und denke an Drew’s Cateringservice. Sofort wird die Verbindung hergestellt und ein automatischer Kellner nimmt ab.

„Drew’s Cateringservice Olten West, guten Tag Gesponer Fischer“, flötet eine weibliche KI-Stimme. „Was wünschen Sie heute Abend? Ist es der filettierte Zander mit Lauchkartoffeln und weißer Soße, der in Ihrer Bestellbox liegt?“

„Ja, ganz genau. Dazu eine Flasche Chardonnay vom Jungfraujoch.“ Irgendwie bin ich heute nostalgisch aufgelegt.

„Habe ich notiert. Sonst noch was?“

„Das ganze für 4 Personen. Liefern um Zwanzighundert an mein Domizil in Mont-Tramelan. Das ist alles.“

„Danke. 420 EAP werden Ihrem Konto belastet. Bitte bestätigen Sie die Bestellung durch Ihre Iris-ID.“

Ich bewege die Augen nach rechts, wo ein roter Kreis in meinem Sichtfeld auftaucht, blicke 2 Sekunden hinein und spreche meinen Namen aus. Dann ist der Bestellvorgang abgeschlossen und der Roboter verschwindet kommentarlos aus der Leitung.

Bei der Schlossruine Thun verlässt mein Wagen die schwebende Autobahn in einer langgezogenen Kurve und fährt auf einer herkömmlichen Strasse den Hügeln entlang nach Heimberg. Wie befohlen, bleibt der Tesla auf der Heimberg Fluh stehen und ich steige aus. Ich blicke hinunter auf den sich nach allen Seiten ausdehnenden See, dessen Wellen einige Meter unterhalb der Felsklippe gegen die Nagelfluh plätschern.

Dann nehme ich meinen Synchronisator aus der Tasche und stelle die Zieldaten ein: Sonntag, 23. September 2018, Zwölfhundert Uhr. Als der Zeitstrahl einrastet, drücke ich auf das grün leuchtende Tastfeld. Plötzlich stehen leichte Wolken am Himmel, das Sonnenlicht hat gelbliche Schlieren erhalten und ein kühler Wind fährt mir durch die Haare. Als ich aufblicke, sehe ich eine grüne Tallandschaft mit Häusern, Strassen, Autos und am Himmel schleppt ein Flugzeug einen Segelflieger empor. Tief atme ich durch. Auch wenn in der Zukunft die Luft klarer ist und keine Flugzeuge mehr Lärm verbreiten, fühlt es sich doch an, als wäre ich nach langer Abwesenheit nach Hause gekommen.

Ohne Probleme finde ich die Treppe, die ins Tal hinunter führt.


Gegenwart, 23.9.2018

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Es ist Sonntagmittag. Ich arbeite an meinem Autoren-Blog und versuche, eine Schreibübung zu einem glücklichen Abschluss zu bringen. Es harzt mehr, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Aber dazu bin ich ja Autor. Ich kann Hindernisse wegschreiben, Welten erschaffen und einstürzen lassen und Liebende zusammenbringen. Langsam macht sich ein kleiner Hunger breit. Aber wir wollen erst am Abend essen, da wir permanent mit unserem Gewicht zu kämpfen haben.

Ein seltsames Kribbeln der Kopfhaut veranlasst mich, aus dem Fenster zum Waldrand hoch zu schauen. Dort steht ein Mann, der in Richtung unseres Hauses blickt. Komischer Typ. Kommt mir irgendwie bekannt vor und wirkt doch so unwirklich, wie von einer anderen Welt. Sein wallendes, weißes Haar fällt ihm über die Schultern. Er trägt einen dunkelgrauen, bodenlangen Mantel oder Umhang aus einem seltsam glitzernden Material, ein gelbes Hemd, weiße Hosen – und weiße Handschuhe.

Nun setzt er sich in Bewegung. Obwohl er sich wie ein Gehender bewegt, scheint er sich ständig um mehrere Schritte zu verschieben, ohne wirklich den Boden zu berühren. Ich schüttle den Kopf und reibe mir die Augen. Leide ich unter einem Tagtraum oder Halluzianationen?

Als ich wieder hinaussehe, steht er neben unserem Wohnwagen an der Straße und winkt zu mir herunter.

Ich öffne das Fenster. „Kann ich Ihnen helfen?“, rufe ich hinaus. Nun erkenne ich sein Gesicht, obwohl er ein gelblich eingefärbtes Radfahrervisier trägt. Oder so was in der Art. Diese Nase und diese Zähne! Der Typ sieht aus, wie mir aus dem Gesicht geschnitten. Ist das vielleicht ein Verwandter von mir? Neulich ist mir auf einer Geschäftsreise einer begegnet, der mein Bruder hätte sein können.

„Hey, Martin! Nicht erschrecken, ich bin’s“, sagt er. Seine Stimme klingt wie meine, wenn ich mich selber in einem Video sprechen höre. Und die Haltung seiner beiden Daumen! Wie ich, mein Bruder und mein Vater. Das ist doch verrückt. Er muss ein Verwandter sein.

„Ich komme jetzt zu dir runter. Bietest du mir ein Glas Wasser an? Hahnenburger aus dem Kühlschrank.“ Er setzt sich langsam in Richtung Eingangstür in Bewegung. Rasch öffne ich die Tür und da steht er vor mir. Mich erfasst das unheimliche Gefühl, in einen lebenden Spiegel zu blicken.

Meine Stimme quietscht. Ich räuspere mich. „Kennen wir uns?“ Mehr bekomme ich nicht heraus?

Er lacht entspannt. „Keine Angst, es ist alles im grünen Bereich. Hol du mir erst mal ein Glas Wasser, dann reden wir im Wohnzimmer.“ Ohne zu zögern, schreitet er durch den Gang und verschwindet durch die dänische Scheibentür. Wo sind Elisabeth und Achim? Ach ja, auf einem kurzen Spaziergang im Wald. Ich bin mit diesem Verrückten also allein. Na toll.

Ich trage das Glas mit gekühltem Leitungswasser zur Couch, wo sich der Typ in meinen Sessel gesetzt hat. Dabei trägt er immer noch seinen seltsamen Umhang. Nur die Handschuhe hat er ausgezogen. Sie liegen sauber gefaltet auf dem Couchtisch.

Er nimmt das Glas entgegen. „Danke“, sagt er grinsend und nimmt einen Schluck. Er sieht aus wie ich. Habe ich vielleicht doch einen Doppelgänger, der mich hier zum Narren hält?

„Okay, stop. Jetzt ist es gut. Wo ist die Kamera? Ich gebe mich geschlagen. Können Sie jetzt erklären, worum es bei dieser Maskerade geht?“

Er stellt das Glas auf den Tisch und lehnt sich zurück. „Keine Maskerade und keine Kamera, Martin. Setz dich bitte auf Elisabeths Sessel.“ Meine Stimme klingt so anders. Voller, majestätischer, befehlsgewohnt. Mechanisch führe ich seine Anweisung aus. Ich schaue ihn gespannt an.

„Ich bin hierher gekommen, um dir ein Geheimnis anzuvertrauen, das dein Leben retten wird und dich und deine Familie vor dem Untergang bewahren kann. In wenigen Jahren wird die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Die Usurpatoren steigen auf die Erde herab und versuchen sie zu plündern.“

In wachsender Verwirrung schüttle ich den Kopf. „Untergang? Usurpatoren? Plündern? Was ist das für ein Schwachsinn? Und sagen Sie mir endlich, wer Sie sind.“

Der Besucher trinkt einen Schluck, platziert das Glas minutiös in der Mitte des Untersetzers und lehnt sich zurück. „Ich bin du, Martin. Ich komme aus der Zukunft, aus deiner Zukunft, um deinen und eben auch meinen Fortbestand zu sichern. Vertrau mir …“

„Kannst du es beweisen?“ Ohne es zu wollen, habe ich ihn geduzt. Bedeutet das, dass mein Unterbewusstsein die absonderliche Situation als gegeben akzeptiert hat? „Ich meine, du kannst nicht einfach erwarten, dass ich … Was willst du überhaupt von mir? Falls du tatsächlich ich bist, was erwartest du von diesem Besuch?“

„Du hast dir vor einer Woche den linken grossen Zeh derart angestossen, dass der Zehennagel geblutet hat und du deswegen am Donnerstag zum Arzt gehen musstest.“

Ich zucke mit den Schultern. „Pah, das wäre bestimmt einfach herauszufinden. Du hast wohl mein WhatsApp oder sonst ein Social Media-Account geknackt.“

„Und heute in einer Woche wird Elisabeth mit dir einen Geburtstagsausflug machen, eine Schnitzeljagd, wie du sie so gerne hast.“

„Auch das ist nicht schwierig zu erraten, wenn man ein wenig recherchiert hat. Womöglich hast du sogar mit meiner Frau gesprochen?“

„Auch meine Frau“, antwortet er schmunzelnd. „Aber daran wirst du erkennen, dass ich die Wahrheit sage: Du musst ein Rätsel lösen, das dich zur Gelmerbahn führen wird. Die letzten beiden Plätze werden direkt vor eurer Nase weggeschnappt und dann müsstet ihr fast drei Stunden warten. Deshalb fahrt ihr weiter zum Grimsel Hospitz, macht dort einen Spaziergang und esst danach im Hotel Grimsel Passhöhe.“

„Hör mal, das könntest du alles irgendwie recherchiert haben. Und da ich jetzt weiss, dass uns die letzten Tickets weggeschnappt werden, ist das schon fast ein selbsterfüllende Profezeiung. Ich glaube dir nicht.“

„Nun gut. Nach dem Mittagessen ist der Ausflug nicht zu Ende. Ihr werdet einen Garten betreten, in dem Kürbisse auf den Bäumen wachsen.“ Er grinst mich an. „Riesige Kürbisse, bei Elrond in Bruchtal.“

Jetzt ist meine Neugierde geweckt. „Kürbisse auf Bäumen? Ich kenne keinen solchen Ort.“

„Eben, daran wirst du erkennen, dass ich dir die Wahrheit sage. Verkaufe dein Haus so rasch wie möglich und suche in Mont-Tramelan ein anderes. Du wirst eines finden, das verspreche ich dir. Aber mehr darf ich nicht in dein Leben eingreifen, sonst könnten abweichende Ereigniswellen zu dynamisch werden, und unsere gemeinsame Zukunft gefährden. Immerhin geht es auch um deine Kinder.“ Er wirft mir einen bedeutungsschweren Blick zu.

Mit einer Handbewegung deute ich auf seine Kleidung. „Deine ganze Aufmachung ist so futuristisch. Von wann kommst du überhaupt? Ich erkenne an dir nur noch meine Nase und meine Augen.“

„Wir haben eine andere Zeitrechnung in der Zukunft. Die biotechnischen Möglichkeiten überschlagen sich demnächst. Wenn ich dir sage, wie alt ich bin, fällst du mir womöglich noch in Ohnmacht.“ Er steht auf und wendet sich der Tür zu.

„Bitte … Martin.“ Es fällt mir schwer. „Was wird aus uns?“

„Bewirb dich zu gegebener Zeit, und du wirst aufgenommen.“

„Wo aufgenommen? Ein Verein? Eine Partei?“

„Es wird sich alles zeigen. Denk einfach an meine Worte, dann kommt es schon gut. Ich muss jetzt gehen, mein Zeitfenster schliesst sich bald. Denk daran: Haus verkaufen, neues Haus kaufen, zu gegebener Zeit um Aufnahme bewerben.“

Als er an mir vorübergeht, streift mich seine Hand am Arm, und ein Kräuseln durchströmt meinen ganzen Körper. Ich probiere ihn zurückzuhalten, aber meine Hand gleitet einfach durch ihn hindurch.

„Machs gut, mein junges Selbst“, ruft er über die Schulter, zieht die Kapuze seines Umhangs über den Kopf und schreitet durch die geschlossene Tür. Mit einem Sprung bin ich am Eingang, reisse die Tür auf und blicke hinaus. Er ist bereits am Waldrand angelangt und verschwindet zwischen den Bäumen in seiner seltsam gleitenden Art. Ich bleibe vor der Tür stehen. Ihm nachzueilen getraue ich mich nicht. Er ist mir unheimlich. Wird das wirklich in der Zukunft aus mir werden? Ich bin immer noch fassungslos, als über der Fluh ein Heulen und hohes Summen ertönt. Einen Moment lang erblicke ich einen silbrig glänzenden, länglichen Gegenstand. Dann folgt ein Blitz, ein grollender Donnerschlag und der Spuk ist vorbei.

Mit zitternden Knie gehe ich ins Haus zurück. An Arbeit ist nicht mehr zu denken. Ich schenke mir einen Whisky ein und setze mich in den Sessel, wo vor kurzem noch mein Besucher gesessen hat. Etwas stört mich unter meinem Gesäss. Mit Verwunderung ziehe ich mein Handy hervor. Hatte ich das nicht neben meinem PC im Arbeitszimmer liegen gehabt? Ich aktiviere das Display und schaue auf die Uhr.

Anstatt des üblichen Sperrbildschirms zwinkert mir mein zukünftiges Selbst als Animation entgegen. Darunter steht: „Bleib dran, Kumpel! 27. September 2462.“

Der Besucher
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