Ein Zusatzkapitel entsteht, Teil 3/6

Okay, ein neuer Tag! Ich habe den ersten Abschnitt (Teil 2/6) der Geschichte nochmals gelesen, da und dort ein Wort verbessert, bin aber im Grossen und Ganzen zufrieden damit. Es ist ja bloß ein Zusatzkapitel, und kein Roman. Wenn der erste Entwurf fertig ist, werde ich ihn nochmals überarbeiten. Aber alles zu seiner Zeit.

Lassen wir Amber und Matthew also auf Lisa Connelly und ihren Freund treffen, die ebenfalls am Lovers Hill picknicken wollen.

Ja, genau! Lovers Hill – ist mir soeben eingefallen. Und schwupp ist eine neue Location entstanden. Manche meiner Locations gibt es tatsächlich, andere erfinde ich frei von der Leber weg.

Google Maps Screenshot mit einer Landschaft, wie ich sie mir für Lovers Hill vorstelle.

In meinem Autorenprogramm “Patchwork” eröffne ich an dieser Stelle diese neue Location, füge Beschreibungen, Notizen und Fotos hinzu, um mir während dem Schreiben ein Bild machen zu können. Oft muss ich auch Details nachschauen wie Strassennamen, genaue Angaben oder den Weg, wie man dahin gelangt und was einem auf dem Weg begegnen könnte.

Okay, nun hüpfe ich in den “Flow” und schaue, wohin mich die Geschichte zieht:

Ein Date mit dem Kameramann (Teil 2)

Matthew warf Ambers Tasche auf den Rücksitz und hielt ihr die Tür auf.

Sie kletterte in den Jeep und schnallte sich an. »Komisches Gefühl, wieder einmal auf der Beifahrerseite zu sitzen. Ohne jegliche Entourage. Abgesehen von dir.« Sie grinste zu ihm hinüber. »Wohin entführst du mich eigentlich?«

Er startete den Motor und fuhr los. »An eines der schönsten Plätzchen der Westküste.«

Sie zog ihre Pumps ab und griff nach hinten, um sie gegen die Trekkingschuhe auszuwechseln. »Das fühlt sich besser an«, sagte sie aufatmend, nachdem sie die Schnürsenkel zugebunden hatte. »Also, wir waren da stehen geblieben, wo wir heute abend hinfahren.« Sie blickte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue herausfordernd an.

»Genieß jetzt die Fahrt. Sie dauert eine knappe dreiviertel Stunde.«

»Matthew? Ich habe dir zugestanden, dass du die Location auswählen darfst, aber nicht, mich im Ungewissen zu lassen.«

Er lachte und seine weißen Zähne blitzen auf. »Du lässt dich wirklich nicht gerne überraschen.« Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist ein Aussichtspunkt in den Hügeln von Malibu. Man nennt ihn nach einer Sage auch Lovers Hill.«

»Erzählst du mir die Geschichte?«

Er nickte. »Jorge, der Sohn eines mexikanischen Clanchefs hatte sich in Audrey, eine junge Siedlerin verliebt, und sie sich in ihn. Aber die Weißen aus dem Westen und die schon länger dort lebenden Mexikaner waren nicht gut aufeinander zu sprechen. Wenn es herausgekommen wäre, hätte man sie gelyncht. Also trafen sie sich heimlich im Hügelland von Malibu auf dem Lovers Hill.« Er schwieg und blickte sie an.

»Das war es? Irgendwie klingt die Geschichte unfertig. Da fehlt noch eine Pointe.«

»Du hast recht. Irgendwann fiel es den Leuten auf, dass sie sich aus ihren jeweiligen Lagern immer wieder davon schlichen. Auch Jack, dem Sohn des Sheriffs, der ein Auge auf Audrey geworfen hatte. Denn sie war das schönste und anmutigste Mädchen in der ganzen Gegend. Ihr einziger Makel war, dass ihre Eltern auf dem Treck nach Westen gestorben waren und sie für ihre fünf jüngeren Geschwister sorgen musste, obwohl ihnen nach Raubüberfällen und Unfällen kaum noch etwas geblieben war.«

Ambers Blick hing an seinen Lippen. »Und dann? Erzähl weiter.«

»Eines Tages folgte Jack Audrey und beobachtete, wie sie und Jorge sich liebten. Rasend vor Eifersucht und Wut steckte er das Buschland in Brand. Sie hatten keine Chance, dem Feuer zu entkommen. Seither, erzählt man sich, höre man in den Hügeln von Malibu manchmal das Prasseln des Feuers und das Stöhnen der Liebenden.« Er sah zu Amber hinüber und suchte ihren Blick. Sie starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Dann entspannte sie sich und lachte verkrampft.

»Du nimmst mich auf den Arm, Matthew. Das ist bestimmt nur der Wind, der über die Hügel streicht.«

Er zuckte die Schultern. »Möglich. Aber die Geschichte gefällt mir trotzdem.«

Plötzlich zog sie die Augenbrauen zusammen. »Und weshalb genau führst du mich zu diesem Ort?«

Er lachte schallend. »Ach Amber, du bist einfach drollig. Kombinier doch nicht gleich das Schlimmste zusammen. Dort oben haben wir eine einmalige Aussicht auf das Meer. Und bei Sonnenuntergang gibt es keinen schöneren Platz auf der Erde. Deshalb fahren wir dorthin.«

Nun verzog sie ihre Lippen zu einem Grinsen. »Aha.« Ihre blauen Augen blitzten schalkhaft auf. »Mein Vater hat mich immer davor gewarnt, mit fremden Männern irgendwohin zu fahren.« Mit einer anmutigen Bewegung strich sie ein goldblondes Haar aus ihrem Gesicht. »Aber weil du mein treuer Kameramann bist und mir sowieso fast überall hin folgst, vertraue ich dir, dass du keine üblen Absichten hegst.«

Jetzt war die Reihe an Matthew, sie entgeistert anzustarren. Dabei wäre er beinahe mit dem Randstein kollidiert. Er schluckte. »Okay, das hätten wir also geklärt.«

Sie legte ihm leicht die Hand auf den Arm. »Keine Angst, ich fühle mich sicher bei dir.« Bei der Berührung durchzuckte ihn ein warmer Strom bis in die Schultern. Ihre Nähe faszinierte ihn immer wieder. In ihrer naiven Reinheit und Unschuld strahlte sie etwas von einem scheuen Rehkitz aus. Kein Wunder, dass alle ständig den Drang empfanden, sie beschützen zu müssen. Obwohl sie tatsächlich in die unmöglichsten Situationen hineinstolperte und schon ein paarmal hatte ›gerettet‹ werden müssen. Doch wenn sie auf der Bühne stand, hatte sie eine unglaublich starke Präsenz, die ihm regelmäßig die Gänsehaut über die Arme jagte. Er seufzte. Er begleitete sie mit seiner Kamera jeden Tag, und doch war sie so unerreichbar weit von ihm entfernt.

»Woran denkst du?«

»Nichts Wichtiges. Bist du schon hungrig?«, lenkte er sie ab.

Sie legte sich die Hand auf den Bauch. »Seit ich in L.A. bin ich fast ständig hungrig. Du weißt ja, dass ständig jemand etwas von mir will, sobald ich essen will.«

»Heute abend macht dir niemand die Mahlzeit streitig. Aber bevor es soweit ist, müssen wir uns das Essen zuerst verdienen. Vom Parkplatz aus geht es etwa einen Kilometer den Berg hoch.«

»Ach, deshalb die Trekkingschuhe«, sagte sie und lachte. »Kein Problem, das werde ich auch noch überstehen.«

***

Beurteilung meiner Tagesleistung

Eigentlich hatte ich geplant, den Konflikt entstehen zu lassen. Aber wie es einem als Autor so geht, musste Matthew erst seine Sage los werden, was mir noch nicht bewusst gewesen ist. Das sind die faszinierenden Momente als Schriftsteller, wenn die Geschichte aus dem Nichts heraus entsteht. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen ich ein Machtwort rede und die Figuren motiviere, meinen Ideen zu folgen. Aber hier hat es gepasst. Zudem gibt Matthew auch seine geheimen Wünsche preis, die er jedoch als Profi Amber gegenüber niemals zugeben würde.

Teil 3 stelle ich wieder nächste Woche vor.

Diskussion

  • Wie gefällt dir die Entwicklung der Geschichte bis jetzt?
  • Wie findest du die eingebettete Sage?
  • Was würdest du anders/besser machen?
  • Sind die Personen so beschrieben, dass auch noch Raum für die eigene Fantasie bleibt?

Weiter zu Teil 4/6 der Miniserie  …

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