Ein Zusatzkapitel entsteht, Teil 1/6

Möchtest du einmal einem Autor über die Schulter gucken, während er seine Geschichten schreibt? Genau das möchte ich hier anbieten und dich an der Entstehung eines Kapitels zuschauen lassen.

Im neuen Roman “Famous in L.A.” verspricht Amber ihrem Kameramann Matthew ein Date, damit er eine ihrer peinlichen Situationen nicht postet. Matthew stellt die Bedingung, dass er die Location auswählen darf.

Das gäbe eine ideale Story für ein Zusatzkapitel, das ich neuen Newsletterabonnenten als Dankeschön zuschicken könnte.

Erste Überlegungen vorab

Erzählen würde ich die Geschichte aus Matthews Sicht, in der dritten Person Singular. Das Buch ist aus Ambers Sicht, in der ersten Person Singular geschrieben. So würde sich die Zusatzgeschichte abheben und einen Blick von Aussen auf Amber erlauben. Es wäre auch möglich, den POV von Szene zu Szene zu wechseln, oder einen Teil aus Ambers Perspektive zu beschreiben.

Notwendige Schritte

Für jede Szene überlege ich mir folgende Fragen, und schreibe die Resultate auf:

  1. POV (Point of View Character, dt. Perspektivfigur): Matthew Powers
  2. Grobe Idee zum Handlungsablauf
  3. Ziel des POV
  4. Konflikt
  5. Disaster
  6. Reaktion (auf das Disaster)
  7. Dilemma (in dem sich der POV jetzt befindet)
  8. Entscheidung (der nächste Schritt auf dem Weg zum  Ziel)

Beim Schreiben eines Buches ergibt sich der Handlungsablauf oft aus dem Gesamtzusammenhang der Geschichte. Für ein losgelöstes Kapitel muss ich mir schon ein wenig tiefere Gedanken dazu machen, was denn eigentlich in etwa vorkommen soll.

Ideenentwicklung im Cluster

Wenn ich, wie jetzt, keine spontanen Ideen habe, mache ich einen Cluster, z.B. mit Scapple, und sammle Begriffe und Ideen, die wiederum Assoziationen auslösen und zu neuen Gedanken führen. Man kann dazu auch eine Mindmap erstellen, aber mit einem Cluster bin ich etwas freier. Wenn man das ganze auf Papier schreiben will, benötigt man mindestens einen A2-Bogen, um nicht sofort über den Rand hinauszuschreiben.

Meine Ideensammlung erstellte ich mit Scapple. Jeder Eintrag ist eine Insel, die beliebig herumgeschoben werden kann. Mit Verbindungslinien und Auszeichnungselementen habe ich die Ideen in Relation zueinander gebracht. Das sieht so aus:

Im Uhrzeigersinn von oben 1 Uhr bis 12 Uhr zu lesen.

Auswertung der Ideen

Nachdem ich zuerst einmal allgemeine Ideen gesammelt habe, legte ich mich auf ein Picknick fest. Wo genau ist für mich noch offen. Da werde ich noch in Google Maps recherchieren, um die beste Location herauszufinden.

Ziel

Welches Ziel verfolgt der POV? Matthew möchte eine Freundschaft zu Amber aufbauen, Picknicken und Spass haben. In dieser Reihenfolge. Interessant, nicht wahr?

Matthew organisiert ein feines Picknick, einen Jeep Offroader und fährt mit Amber an einem Nachmittag los, in Richtung Santa Monica. Während 20 Minuten fahren sie über Stock und Stein und eine alte Holzbrücke auf einen Aussichtspunkt, der steil zum Meer abfällt und ihnen einen prächtigen Sonnenuntergang beschert.

Da wird die Stille gestört, als ein zweiten Fahrzeug den Fahrweg entlang rumpelt.

Antagonist/Konflikt

Was steht diesem Ziel entgegen? Nun wäre es wichtig zu wissen, wer oder was die antagonistische Kraft in diesem Kapitel ist. Zuerst einmal ist es Lisa Connelly, ein weiterer Hollywood-Star, die mit ihrem Freund das gleiche romantische Plätzchen ausgesucht hat, um ein Picknick zu halten. Amber, die das voll cool findet, findet Lisa plötzlich interessanter, als ihren Kameramann Matthew, was diesem wiederum sauer aufstösst. Da organisiert er ein romantisches Picknick und nun wird ihm die Show gestohlen.

Als Amber sich Lisa und Freund nähern will, reagiert dieser abweisend und aggressiv, sodass Matthew einschreitet, und Amber schützen muss. Er stellt fest, dass dieser Freund auf Drogen ist, und er es nicht auf eine Konfrontation ankommenlassen darf.

Plötzlich nehmen sie einen Rauchgeruch wahr, der vom starken ablandigen Wind herangetragen wird. Ein Buschfeuer frisst sich rasend schnell durch die ausgedörrte Landschaft und droht, sie ins Meer zu treiben. Sie müssen versuchen, um das Feuer herumzufahren und über die alte Holzbrücke zu gelangen, die sie am Morgen passiert haben.

Disaster

Sie springen in ihren Jeep, und rasen die holperige Landstrasse zurück, müssen aber feststellen, dass die Brücke bereits ein Raub der Flammen geworden ist. Mit Mühe und Not können sie auf der abschüssigen Strasse umdrehen und fahren zum Picknickplatz zurück.

Lisa rennt wie ein aufgescheuchtes Huhn herum, ihr Freund liegt im Drogenrausch am Boden. Sie beraten miteinander, was zu tun sei. Lisa will sich zu Fuss bis zum Meer durchkämpfen, um dort um die Flammen herum zu gelangen. Matthew warnt vor der Strecke, die über gefährliche Felsen führe, und sie dazu nicht ausgerüstet seien. Lisa rennt trotzdem los, kommt aber nicht weit. Sie fällt über einen Bruchrand und bricht sich das Bein. Amber leistet als ausgebildetete Sanitäterin erste Hilfe und befiehlt Matthew, eine Lösung zu suchen. Vergeblich versucht er mit seinem Handy einen Empfang hinzubekommen.

Reaktion

Die Flammen kommen immer näher. Jetzt geht es ums nackte Überleben. Da erinnert sich Lisa, dass ihr Auto ein Satellitentelefon hat. Amber versucht noch immer, Lisas Bein zu schienen, und Matthew telefoniert um Hilfe.

Dilemma

10 Minuten später kommt ein Rettungshubschrauber. Es bleibt ihnen noch eine Minute, bis die Flammen sie erreicht haben würden. Das Problem: Es können nur 3 Personen mitfliegen. Zwischen Amber und Matthew entbrennt ein Streit, wer mitfliegen soll. Jeder möchte den anderen in Sicherheit wissen. Mittlerweile hat der Pilot Lisa und ihren Freund verstaut. Matthew hebt Amber gegen ihren Willen in den Chopper und winkt ihm abzufliegen.

Entscheidung

Dann schaut er sich um, wickelt sich in die Wolldecken vom Picknick, nimmt Wasser mit und rennt geradewegs in die entgegenkommende Flammenwand hinein.

Cliffhanger

Amber beobachtet vom dem Hubschrauber aus, wie Matthew in die Flammen rennt und verschwindet. Sie fragt sich ernsthaft, ob sie ihn jemals wieder sehen würde und ob sie damit leben könnte.

Fazit

Man sieht, wie eine Geschichte nie in Stein gemeisselt ist, solange sie noch nicht geschrieben ist. Aus meinen Ideen und Scapple-Skizzen wurde ein Abriss, der schon vom ursprünglichen Plan abweicht. Wenn ich jetzt das Kapitel schreibe, werden noch viel mehr Details hinzukommen und die Geschichte nochmals abweichen.

Damit fange ich in einer Woche an.

Diskussion

Wie würde deine Geschichte aussehen? Was wäre dein Ziel, Konflikt, Disaster? Was die Reaktion, das Dilemma und die Entscheidung?

Weiter zum 2. Teil der Miniserie …

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